Zeitsicht Art Award

Zeitsprung
2022

Dirk Brömmel

Dirk Brömmel

»Zeitsicht hat mir gezeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin.«

»Eigentlich«, sagt Dirk Brömmel, »eigentlich wäre ich gerne Maler geworden. Aber leider konnte ich das nicht gut genug.«

Der 54-Jährige sitzt vor seinem Laptop in seiner Wohnung in Eltville am Rhein und schaut in die Kamera, ein Montagmorgen im September, 9.30 Uhr. Sein Blick ist nachdenklich, ernsthaft — er sei eben ein melancholischer Mensch, wird er später noch erzählen.

Aber »Leider?« — »Zum Glück«, möchte man antworten, denn statt der Malerei hat sich Dirk Brömmel einem anderen seiner Talente zugewandt — der Fotografie — und es damit 2002 zum ersten Zeitsicht-Preisträger geschafft. Zeit für einen Blick zurück, oder einen Sprung — einen »Zeitsprung«.

Es war das erste Jahr des von hauserconsulting gestifteten Kunstpreises – aufgelegt, um junge, hoffnungsvolle Künstler auszuzeichnen und ihre Karriere anzuschieben. Neben Brömmel wurde im ersten Jahr auch die Fotokünstlerin Kerstin Braun ausgezeichnet. Damals war Zeitsichtnoch ein konventioneller Jury-Preis – dass renommierte Künstler:innen wie Neo Rauch oder Marina Abramović die Preisträger:innen auswählen, das gibt es erst seit 2006.

Zeitsicht 2002 – wie alles begann

Er habe damals noch Kunst mit Schwerpunkt Fotografie in Mainz studiert und sei eher zufällig auf Zeitsichtgestoßen, erinnert sich Brömmel. Und er hatte gerade eine passende Arbeit im Portfolio: eine Fotoserie, die er als Meisterschüler von Prof. Vladimir Spacek angefertigt hatte und die sich auf ganz besondere Art mit den Charakteristika von Zeit auseinandersetzt.

Er hatte die «Villa Tugendhat« porträtiert, ein nach Plänen des Architekten Ludwig Mies van der Rohe errichtetes Wohnhaus in Brünn im heutigen Tschechien südöstlich von Prag. Kenner zählen den Weltkulturerbe-Bungalow zu den Architekturikonen der Moderne, auf einer Stufe mit Le Corbusiers Villa Savoye oder dem Haus Schminke von Hans Scharoun.

Wobei Brömmels Serie eigentlich gar nicht die Villa selbst porträtiert, sondern das, was sich dort einst abgespielt hatte. »Ich bin zunächst recht ziellos durch die Räume gelaufen und wollte nicht einfach – wie so viele vor mir dort — Architektur fotografieren. Ich wollte zeigen, wie das Leben dort vielleicht einmal stattgefunden hat. Ich bin ein recht melancholischer Mensch und das sieht man, glaube ich, an solchen Serien, weil ich gerne die Vergangenheit festhalte.«

»Zeitsicht hat mir gezeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin«

Dirk Brömmel verwendete alte Schwarz-Weiß-Fotos der Unternehmerfamilie Tugendhat, die die Menschen in dem Gebäude zeigten. Seine Architekturansichten legte er darunter, sodass zwei Schichten aus zwei Zeiten entstanden. »Dazu kommt eine dritte zeitliche Dimension, weil nämlich, je nach Lichtsituation, die Reflexion auf der Plexiglasscheibe die Betrachter:innen selbst ins Bild montiert.« Zeit-Sicht im ganz expliziten Sinne.

Die Auszeichnung von hauserconsulting blieb nicht die einzige für »Villa Tugendhat«, ein Jahr später etwa erhielt Brömmel für die Serie den Emy-Roeder-Preis des Landes Rheinland-Pfalz. »Zeitsichthat mir gezeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin — allein, weil er einer der ersten Preise für meine Kunst war«, sagt er.

Einen Weg, den der gebürtige Bonner danach stilistisch sehr konsequent fortsetzte: Eine weitere große Serie folgte der Idee der Villa Tugendhat. Er fotografierte den Kanzlerpavillon in seiner Heimatstadt Bonn und montierte, wie zuvor, historische Ansichten der einstigen Bewohner:innen über die Architekturzeugnisse. Einige der Arbeiten sind heute Teil der Kunstsammlung des Deutschen Bundestags.

Die neue Serie:
Oktoberfest ohne Oktoberfest

Ob er sich bewusst politisch aufgeladene Objekte ausgesucht habe, fragen wir ihn: Die Villa Tugendhat hatte einst einer jüdischen Familie gehört, fiel dann den Nazis in die Hände und musste perfider Weise sogar als Konstruktionsbüro für Kriegsflugzeuge herhalten. Oder eben der Kanzler-Bungalow, in dem von Ludwig Erhard bis Helmut Kohl kleine und große Geschichte geschrieben wurde.

Brömmel relativiert: Die Historie und vordergründig die Architektur haben ihn gereizt. Beim Kanzlerbungalow zudem der Lokalkolorit, weil er als Bonner das »mystische Gebäude« ständig im Alltag gesehen habe.

Inzwischen kann Brömmel auf eine 20 Jahre erfolgreiche Fotokunst-Karriere zurückblicken. Auf Zeitsichtfolgten diverse Auszeichnungen, beim Europäischen Architekturfotografie-Preis sind es inzwischen sogar mehrere.

Parallel zu seiner Kunst hat der zweifache Vater vor bald zehn Jahren mit seiner Frau eine Werbeagentur in Wiesbaden eröffnet — er kümmert sich, wie passend, dort vor allem um die Fotografie-Aufträge.

Zeit, selbst mit der Kamera loszuziehen, bleibt genügend: Gerade erst hat er die dritte Serie in dem Stil der Villa Tugendhat aufgelegt: «Wiesn 2020/21« heißt sie — und nicht nur die Volksfest-gestählten Oberbayern wissen, dass 2020 und 2021 kein Oktoberfest in München stattfand. Brömmel jedoch hat in den Corona-Jahren die menschenleere Theresienwiese besucht, markante Ansichten fotografiert und alte Aufnahmen darüber gelegt. Am eindrucksvollsten ist eine Komposition, bei der sein Foto den Hinweis auf ein Corona-Testzentrum an einem Bauzaun zeigt und das er kombiniert hat mit der Ansicht einer Blaskapelle, die einst exakt dort zum Wiesn-Auftakt gespielt hatte. Ein paar Jahre trennen die Motive nur, und doch ist es — gefühlt — ein gewaltiger Zeitsprung.

Menschenleere als Konzept

Eine weitere Beobachtung, wenn man Brömmels Werk betrachtet: Er fotografiert keine Menschen. Eine Ausnahme macht die Serie »Wächter«, allerdings wirken die regungslosen englischen Polizisten in ihren Wachhäuschen eher wie Objekte als wie Wesen aus Fleisch und Blut. Ansonsten blickt man bei Brömmel auf menschenleere Hausfassaden, auf Burgen, die bewusst auf ihre Architektur reduziert sind, und sehr grafisch anmutende Aufsichten von Schiffen. »Als die Schiffe entstanden sind, habe ich sogar eigentlich Menschen fotografieren sollen«, erzählt er. Es ging um die Verbindungen zwischen Mainz und Wiesbaden, und Brömmel stand auf den Rheinbrücken zwischen den beiden Städten.

»Und da ich für das Projekt einige Zeit auf der Brücke verbracht habe, sind mir die Schiffe umso mehr aufgefallen. Quasi als Grenzgänger, die entlang der beiden Städten patrouillieren.«

Was der Fotokünstler von der Handykunst hält

Zum Abschluss ein Zeitsprung in die Gegenwart: Wie ist eigentlich für ihn als Fotokünstler, dass heute quasi jeder mit einem modernen Smartphone technisch brillante Bilder machen kann? »Die Wertigkeit, die früher ein Foto hatte, die hat sicherlich nachgelassen«, sagt er. »Da hattest du 36 Aufnahmen, manchmal auch nur 24 oder 12 und wusstest genau, was das jetzt kostet, wenn du auf den Auslöser drückst. Da hat man sich viel mehr Mühe gegeben. Und dann die Spannung, ob das entwickelte Bild wirklich das zeigt, was du dir vorgestellt hast.«

Auch hier zeigt sich, wie sich unser Verhältnis zur Zeit verändert: Heute braucht es wenige Millisekunden, bis das Bild zu sehen ist. Und eine halbe Sekunde mehr, bis es bei Nichtgefallen im digitalen Mülleimer entsorgt ist.

Dennoch ist Brömmel kein Gegner der neuen Technologien. »Allein, dass es den Begriff ›Handykunst‹ gibt, das zeigt doch, dass da viel Spannendes entsteht.« Daheim im Privaten fotografiert er sogar sehr gerne mit seinem iPhone, wie es Millionen andere auch tun und auch seine zwei Kinder. Wobei diese noch eine andere Leidenschaft haben. Sie malen. Und das sagt er mit Stolz.