Zeitsicht Art Award

Zeitsprung
2018

Mirjam Völker

Portrait Mirjam Völker
»Ich bin in meine Karriere ein bisschen rein­geschlittert.«​

Im Gespräch mit Mirjam Völker

Ihre großformatigen Bilder erzielen regelmäßig fünfstellige Summen. Eigen+Art, die renommierteste deutsche Galerie, widmet ihr Ausstellungsflächen neben Granden wie Neo Rauch, und Kunstkenner loben sie als eine der größten deutschen Nachwuchshoffnungen: Mirjam Völker ist die vielleicht erfolgreichste Künstlerin, die den hauserconsulting-Kunstpreis Zeitsicht bisher erhalten hat. 2010 wurde die gebürtige Wiesbadenerin im Augsburger Glaspalast ausgezeichnet, ausgewählt von eben jenem Neo Rauch, bei dem sie damals gerade das Meisterschülerstudium in Leipzig beendet hatte. Acht Jahre später haben wir Völker nun zum »Zeitsprung« getroffen:

Frau Völker, lassen Sie uns starten mit einem Zeitsprung zurück. Sie hätten ein »sehr frühes künstlerisches Reifestadium«, hat Ihr Mentor und Laudator Neo Rauch 2010 anlässlich der Zeitsicht-Preisverleihung über Sie gesagt. Waren Sie eine Frühstarterin?

MIRJAM VÖLKER: Sagen wir es so: Ich komme aus einem Künstlerhaushalt, meine Eltern haben beide Kunst studiert. Das war für mich schon als Kind prägend und es gab nie einen anderen Berufswunsch.

Welches ist das früheste erhaltene Bild von Ihnen?

Das sollten Sie besser meine Eltern fragen: Ich weiß noch, dass ich immer die Angewohnheit hatte, alles schön zu entsorgen. Was ich fertig gemalt hatte, habe ich sofort weggeworfen, und meine Eltern haben dann heimlich den Papierkorb abgefangen und die Bilder gesammelt. Deswegen gibt es schon sehr frühe Malversuche von mir.

Was ist das erste Bild, an das Sie sich noch erinnern?

Ich hatte mal eine Phase, da habe ich mich sehr für tote Vögel interessiert. Ich war fünf Jahre alt und unser Vermieter hat den Hof mit Unkrautvernichtungsmitteln gesprenkelt. Die Vögel sind dann immer an Ort und Stelle gestorben, wenn sie einen Wurm gefressen haben. Das hat mich damals fasziniert, deswegen gibt es massenhaft Kinderzeichnungen mit toten Vögeln. Interessanterweise hatte ich eine ähnliche Phase noch mal zu Beginn meines Studiums. Ich hatte sogar eine Anzeige in die Zeitung gesetzt, dass ich tote Vögel suche, damit ich möglichst viele unterschiedliche Exemplare bekomme.

Funktioniert so etwas?

Ja, es haben ständig irgendwelche Menschen Vögel geschickt (lacht). Die habe ich dann im Winter draußen auf der Fensterbank des Ateliers aufbewahrt, damit sie mir nicht vergammeln. Die Nachbarn haben schon Wetten abgeschlossen, zu welchem Zweck die Tierkadaver dort lägen.

Morbidität ist — rückblickend betrachtet — durchaus ein Leitmotiv Ihrer Kunst geblieben. Das Thema Behausungen und deren Durchdringung von Vegetation ist eine Konstante in Ihren Arbeiten, die Sie immer wieder neu variieren. Dabei dominieren Symbole des Verfalls und dunkle, eher beängstigende Töne. Selbst die Pflanzen in den Bildern haben nichts Freundliches, Helles sondern eher etwas Abweisendes, Böses. Ist das Absicht?

Der Sinn für Morbidität, den habe ich vermutlich schon seit klein auf (lacht). Wobei Sie heute in meinem Werk ja keine Tiere mehr finden — auch keine Menschen. Für mich sind eher die Objekte, die Architektur, die Behausungen zentral und bekommen etwas Wesenhaftes.

Sie haben vor acht Jahren den Zeitsicht-Preis erhalten, vor 14 Jahren haben Sie Ihr Studium in Leipzig begonnen, bei dem Sie später auch Neo Rauch kennen gelernt haben. Ab wann würden Sie, rückblickend, Ihre Bilder als Ihrem Oeuvre zugehörig ansehen?

Den Schnitt würde ich während meines Studiums machen — 2007 etwa, in der Zeit, als ich in der Klasse von Neo Rauch war. Die Werke von damals werden auch noch ausgestellt und sind auch im Verkauf.

Was ist mit den Werken aus den Jahren davor?

Die meisten würde ich heute eher nicht nochmals veröffentlicht sehen wollen, weil sie zu weit von dem entfernt sind, was meine Bilder heute ausmacht. Andererseits gehören sie irgendwie natürlich schon zu mir, da ich ohne sie nicht da wäre, wo ich jetzt bin. Ich finde es auch spannend, die eigene Entwicklung zu sehen. Wenn ich mir die Bilder von damals ansehe, denke ich immer wieder: »Oh, das ist Dir aber spontan von der Hand gegangen.« Oder: »Da warst Du noch sehr angenehm unbefangen.« Und das sind ja auch Qualitätskriterien, die mit zunehmender Erfahrung gar nicht mehr so leicht zu erreichen sind.

Sie nannten gerade 2007 als Startpunkt Ihres Werks. Ist das mit einem besonderen Ereignis, einem Bruch verknüpft?

Nein, das war eher ein Prozess: Ich bin 2004 nach Leipzig gekommen — das war spannend, aber auch erst mal sehr hart. Ich kam aus einer sehr behüteten Ateliergemeinschaft in Mainz, in der wir uns sehr gut verstanden und zusammengearbeitet haben. In Leipzig gab es eine ganz andere Konkurrenz und viel mehr Studenten. Ich kam als Neuling in eine Klasse, die schon länger zusammen war. Das war schwer, anzukommen und sich zu bewähren.

Neue Stadt, neue Klasse, neuer Professor…

Ja, solche Herausforderungen sind oft auch sehr hilfreich, um sich richtig ins Zeug zu legen. Vielleicht war das ein Bruch, aber ich würde gar nicht sagen, dass im ersten Jahr künstlerisch so viel rumgekommen ist. In jedem Fall war es eine lehrreiche und prägende Zeit: mein erstes eigenes Atelier, anfangs übrigens noch für zwei Euro pro Quadratmeter warm, es gab ja sehr viel günstigen Raum in Leipzig. Dann das Diplom, in Leipzig eine besondere Herausforderung, weil man es öffentlich verteidigen muss: Man baut eine Ausstellung auf, es kommen eine Menge Leute, und dann steht man vor einer Jury und wird ausgefragt. Danach das Meisterschülerstudium, nochmals eine Prüfung. Das trägt natürlich alles zur Selbstständigkeit bei.

Wie intensiv war damals der Kontakt zu Ihrem Lehrer Neo Rauch?

Neo Rauch hat super regelmäßig bei uns vorbeigeschaut und angeguckt, was entstanden ist. Das war ein Privileg, aber auch Druck und Ansporn, immer weiter zu arbeiten: Wenn er den Weg zum Atelier auf sich genommen hat, wollte man natürlich auch etwas vorzeigen können.

Lassen Sie uns den nächsten Zeitsprung machen: 2010, zum hauserconsulting Kunstpreis. Inwiefern hat der Ihnen auf Ihrem Weg geholfen?

Das war kurz nach meiner Meisterschüler-Prüfung. Eine schöne Zeit, aber auch eine schwierige, weil die Verbindung zur Hochschule abbrach, ich mich bewähren musste, ohne irgendeinen Rückhalt. Insofern war es für mich natürlich toll, gleich solch eine Anerkennung zu bekommen und die Möglichkeit, an so einem prominenten Ort auszustellen. Ich weiß noch, wie gerührt ich damals war: die besondere Atmosphäre im Glaspalast, die einfühlsame Rede von Neo Rauch, mit der ich gar nicht gerechnet hatte, die vielen Besucher. Ich bin in meine ganze Karriere ein bisschen reingeschlittert, ohne dass ich geplant hätte, was sich entwickelt. Der Kunstpreis passt da wunderbar rein. Es war nicht das einzige Mal, dass mir das Schicksal geholfen hat.

Was unterscheidet Ihre heutigen Werke von denen, die 2010 im Glaspalast hingen? Sie malen weiterhin Behausungen, weiterhin große Formate und es schwingt weiterhin eine eher düstere Stimmung mit. Trotzdem wirken die Bilder heute anders, realistischer und präziser — woran liegt das?

Da spielt die Phase von 2012 bis 2015 rein, in der ich nur gezeichnet habe. Weil man beim Zeichnen mit Kohle nichts mehr nachträglich verändern kann — es sei denn, man kratzt mit einem Skalpell mal ein ganz kleines Detail aufwändig wieder ab —, habe ich mir angewöhnt, viel planerischer vorzugehen und mir mehr Gedanken zu machen über Kompositionen und deren Wirkung. Vorher habe ich bei Bedarf eben übermalt — und Sie haben Recht, wenn man das letzte Bild vor der Zeichenphase vergleicht mit den ersten danach, sieht man den Unterschied sehr gut. Sie sind präziser, aber nicht unbedingt realistischer.

Haben Sie ein Beispiel?

Die Arbeit »Schattenseite«. Sie sehen ein Baumhaus, aus dem ein Baum zu wachsen scheint. Dieser verschmilzt nicht nur mit dem Haus, sondern auch mit dem Schatten eines anderen Baumes, der sich auf dessen Fassade abzeichnet. Gleichzeitig wirft die Symbiose aus Baum und Haus einen Schatten auf den Hintergrund. Der angebliche Himmel wird so zur Fläche, auf der der Schatten ein Eigenleben entfaltet. Auf den zweiten Blick fragt man sich, ob der Schatten überhaupt zu dem Baumhaus gehört.

Ein ähnliches Spiel mit der Illusion habe ich auch bei meiner 2016 bei Eigen+Art Leipzig ausgestellten Rauminstallation umgesetzt. Der Besucher sieht ein reales, lebensgroßes Baumhaus, das in den Raum zu kippen scheint. Der Schatten an der Wand ist gemalt und zeigt das Haus im Verfall. Auch hier stimmen Realität und Schein nicht überein. Die Illusion war so täuschend echt, dass es viele Besucher nicht bemerkt und nach der vermeintlichen Lichtquelle gesucht haben.

Wie malt man Illusionen?

Das meinte ich mit »präzise«. Man muss die Dinge zumindest stellenweise sehr naturalistisch wiedergeben. Darin liegt ein besonderer Reiz für mich: Wie muss ich etwas umsetzen, damit es eine überzeugende Materialität bekommt und fast greifbar wirkt? Auch das Bild »Wehr« ist  ein gutes Beispiel. Hier hat mich am meisten die exakte künstlerische Umsetzung des gelben Tuchs interessiert.

Das, was vorne am Baumhaus hängt?

Genau. Gelb ist ohnehin eine schwierige Farbe und die Herausforderung umso größer, da aufgrund der Schatten nur wenig reines Gelb verwendet werden kann. Die Schattenpartien sind rötlich oder grünlich in lasierenden Schichten übereinander aufgetragen, doch in der Gesamtwirkung muss die Assoziation »leuchtend gelber Stoff« erhalten bleiben. Woher kommt dort eigentlich das Licht?

Stimmt, das ergibt physikalisch keinen Sinn. Ich mag solche Störelemente, die man nicht einordnen kann, die aber durch ihr realistisches Aussehen zunächst stimmig erscheinen.

Lassen Sie uns zum Schluss über die gesellschaftliche oder politische Bedeutung von Kunst reden, Frau Völker. Das Thema Wohnen und Heimat dominiert die Schlagzeilen: in Bezug auf Flüchtlinge und Heimatverlust, aber auch mit Blick auf Immobilienpreise. Schwingen diese Themen bei Ihnen im Kopf mit, wenn Sie Behausungen malen?

Meine Bilder sind räumlich oder zeitlich nicht verortet, beziehen sich also nicht auf eine konkrete Situation. Schutz und Obdach sind dabei für mich schon eine Thematik, aber eben nicht politisch aufgeladen oder auf eine konkrete Situation bezogen. Ich finde es spannend zu sehen, wie unterschiedlich Menschen Kunst betrachten und welche Assoziationen meine Bilder wecken.

Das heißt, Sie haben kein »Sendungsbewusstsein«?

Nein, Kunst sollte Raum öffnen für Assoziationen und nicht schließen. Natürlich kann ein Werk einen Anstoß in eine bestimmte Richtung geben, aber es muss so viel Offenheit behalten, dass man es auch anders wahrnehmen kann. Neulich spricht mich ein Besucher nach einer Ausstellung an und sagt: »Frau Völker, das war ja total apokalyptisch!« Und ein paar Minuten später kommt eine Frau auf mich zu, die mir erzählt, wie anregend und heilsam es für sie gewesen sei, die Natur zu sehen, die sich alles zurückholt. Die Wirkung von Kunst ergibt sich oft aus der Person des Betrachters selbst: Kulturelle Unterschiede, Erziehung, persönliche Erlebnisse — das spielt alles mit rein.

Letzte Frage, Frau Völker, haben Sie eigentlich ein Lieblingsbild?

Meistens das, das ich gerade gemalt habe: Denn ein Kunstwerk fertig zu stellen, das fühlt sich zum Schluss ein bisschen an wie eine Geburt. Es wird immer emotional, egal wie viele Bilder man schon gemalt hat. Ich durchlaufe da Phasen von »Oh Gott« und »Schlimmer wird’s nicht, also kannst Du auch nochmals drüber malen« bis zu himmelhochjauchzend. Und dann ist es plötzlich da und fertig.

Insofern: Ich habe und hatte schon viele Lieblingsbilder, derzeit ist es wohl das neueste — »Totem«. Aber auch das ist nur eine Momentaufnahme. (Interview: Timm Rotter)

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